7. Ästhetischer (ästhetisierender) Speziesismus und die Grenzen der deutschsprachigen Tierbefreiung
Ein zentrales Problem des deutschsprachigen Tierbefreiungsdiskurses ist die Menge an begrifflichem, strategischem und sozialstrukturellem Müll, den die Szene selbst produziert — und hinter dem niemand dauerhaft hinterherräumt.
Die Mainstream-Tierbefreiung im DACH-Raum hat, nüchtern betrachtet, keinen nennenswerten gesellschaftlichen Impact. Sie inszeniert sich als relevant, als Stimme, als Bewegung — produziert aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor allem theoretischen Ausschuss. Besonders dort, wo sie eng gekoppelt ist an Kulturindustrie, akademische Verwertungslogiken und das Bildungssystem.
Anschlussfähigkeit nach oben ersetzt Wirksamkeit nach außen.
Die ethisch aufgeladenen Themen menschlicher Eigenstilisierung im Verhältnis zur Mitwelt erfüllen dabei eine paradoxe Funktion:
Einerseits versucht man, das eigene Nischendenken zu retten;
andererseits wird der Mensch weiterhin ideologisch hochgehalten, während man sich rhetorisch „vortastet“, um revolutionstauglich zu wirken.
Man möchte vorne sein — ist es aber nicht.
Ästhetisierender Speziesismus
Ein besonders tief sitzender Aspekt speziesistischer Narrative, mit dem auch innerhalb der Szene nicht ernsthaft aufgeräumt wird, ist die ästhetische Aufladung von aggressiver oder passiv-aggressiver Gewalt an Tieren.
In Sprache, Ritualen, Kunst und Spektakel werden Tiere nicht als denk- und komplexest-fühlfähige Subjekte [die Sentience des Animal Sapiens!] wahrgenommen, sondern als Material für menschliche Selbstverortung, Selbstüberhöhung und kulturelle Distinktion.
Diese Ästhetik reproduziert:
- kulturelle Legitimation für extreme Instrumentalisierung von Tieren,
- Distinktionsmerkmale für Milieus, die sich selbst als avantgardistisch inszenieren,
- Schutzmechanismen gegen Kritik: Wer widerspricht, gilt als „kulturfeindlich“, „moralisch naiv“ oder „zu radikal“ oder gar als „echter Spinner“ (…).
Der Status solcher Praktiken ist eng an kulturelle Autorität gebunden.
Blut, Gewalt und Tierobjektifizierung als „künstlerisches Material“ werden in den hiesigen Kulturszenen kaum kritisiert — und auch die „Tierbefreiung“ bleibt davon nicht unberührt, weil sie selbst in vielen Bereichen auf Anerkennung, Anschlussfähigkeit und moralisches Branding angewiesen ist.
Der Kampf gegen die Normalisierung und Ästhetisierung von Speziesismus, Tierhass und Tierobjektifizierung muss daher weiterhin auf Pionierebene geführt werden.
Dass selbst unter sogenannten Tierfreund:innen massive Unterstützung für offen speziesistische Kunstformen existiert — exemplarisch sichtbar etwa im Fall Nitsch — zeigt, wie tief diese ‚Blindheit‘ reicht.
Konsequenzen
Eine im deutschsprachigen existierende „Tierbefreiung“ (im einem wenn überhaupt möglich) angestrebt idealisierten Sinne besteht faktisch nicht aus einer Bewegung, sondern aus Einzelpersonen — und wenn überhaupt aus all jenen nichtmenschlichen Individuen, denen Hilfe versprochen wird oder glücklicherweise tatsächlich zuteilwird.
Diese Konstellation könnte eine lebendige Synergie darstellen, eine Avantgarde, die gesellschaftlichen Veränderungen vorausgeht. Stattdessen erzeugen selbsternannte Sprecher:innen, Labels und Szene-Insider häufig nur den Anschein von Relevanz, ohne ihre Konzepte an reale Macht-, Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse anzupassen.
Bewegung entsteht dort, wo gehandelt, gedacht und reflektiert wird — unabhängig von Szenezugehörigkeit, Namen, Statussymbolen oder Sozialprestige.
Und vor allem: unabhängig von der Spezies.
Nicht das Label zählt.
Nicht die Zugehörigkeit.
Nicht der Name.
Nicht irgendein Machtfaktor.
Die Bewegung machen wir selbst — mit dem, was wir tun.
Und dieser Aktionsraum ist weit.
Wird diese Vielfalt nicht wahrgenommen, findet auch keine förderliche multilaterale Entwicklung der Konstituent:innen der Bewegung statt.
Wenn Tierbefreiung ästhetisch kompatibel, kulturell anschlussfähig und moralisch dekorativ wird, verliert sie ihren Bruchcharakter.
Und ohne Bruch gibt es keine „Befreiung“ im Sinne von Liberation — nur neue Formen der Verwaltung von irgendeiner Form von Gewalt.
