Sterben diskutieren (1)

Sterben diskutieren

Die Armseligkeit des hiesigen Pseudotierbefreiungsdiskurses

(oder: Warum moralische Verwaltung keine Befreiung ist)

Was hierzulande unter Tierbefreiung firmiert, ist in weiten Teilen kein Projekt der Befreiung (im einen emanzipativen Sinn), sondern eines der moralischen Selbstberuhigung. Nicht einzelne Akteur:innen sind das Problem, sondern ein ganzes Milieu aus Theoretiker:innen, Aktivist:innen, sehr weniger (sichtbarer) Künstler:innen, Kommentator:innen und tausendfachen Nachplapper:innen oder Leuten die ihren Konsumerismus irgendwie einzubringen bemüht sind, die ein intellektuell dürftiges, anthropozentrisches Weltbild als Fortschritt ausgeben. Man darf sich darüber nichts vormachen: Diese Szene ist nicht besser als die Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen ist — sie trägt nur andere Label.


1. Um irgendwo anzusetzen. Aktuell war gerade das Thema: Der Tod. Und das natürlich als begriffliches Herrschaftsinstrument

Ein zentrales und besonders entlarvendes Merkmal des hiesigen Tierbefreiungsdiskurses ist die obsessive Beschäftigung mit Begriffen, die aus den klassisch menschlichen, hegemonial-anthropozentrischen Selbstverständnissen stammen, statt Befreiung vom Fundament her zu denken. Und zu hegemonial gehört fast zwangsläufig eine Fixierung auf eine unumstößlich begriffene Vorstellung von menschlicher Macht, die den „Tod der Tiere“ sogar auch noch zu definieren weiß, der hier bemerkenswerterweise aber nahezu ausschließlich als menschliches Denkspiel verhandelt wird, flankiert von den immer gleichen Fragen: Dürfen „wir“? Sollen „wir“?

Eine wirkliche Abweichung vom alten Herrschaftsdenken findet hier nicht statt.
Es entstehen keine eigenen begrifflichen Fundamente. Stattdessen wird aus einem kollektiven Deutungsrahmen heraus argumentiert, der alles durch dieselbe Brille betrachtet. Die Welt ist, so heißt es implizit, so und nicht anders.

Und in diesem sicheren, abgeschlossenen Denkraum wird der tierliche Tod dann beiläufig „mitverhandelt“.

Die Arroganz dieser Diskussionspraxis zeigt sich darin, dass bei Gesprächen über ein derart fundamentales Thema zwei elementare Differenzen systematisch verwischt werden:

  1. Der menschliche Begriff vom Tod ist nicht identisch mit dem Phänomen selbst.
  2. Er sagt nichts Verlässliches darüber aus, wie andere Wesen Leben, Sterben oder Endlichkeit oder Unendlichkeit erfahren, empfinden oder für sich strukturieren. Denken tut bei den Tierbefreiern ja auch nur der Mensch.

Was hier als Mitgefühl ausgegeben wird, ist in Wahrheit spekulative Projektion.
Auffällig ist dabei das ständig bemühte „Wir“, das jede ernsthafte Reflexion ersetzt. Nicht Denken, sondern kollektive Selbstvergewisserung findet statt. Bei all diesen Gesprächen.

Man spricht über Tiere, indem man sie in die engstmöglichen menschlichen Begriffsrahmen presst — gutmeinend, aber blindfolded — und erklärt diese intellektuelle Gewalt zur Aufklärung, die angeblich keiner Kritik bedürfe.

Respekt wäre Zurückhaltung. Stattdessen herrscht epistemische Anmaßung.