Das Schweigen der Repräsentation
Hilal Sezgin funktioniert weniger als kritische Intellektuelle denn als kulturindustriell verwertbare Figur, um die sich ein abgeschlossener Zustimmungskreislauf gebildet hat.
Es gibt Figuren, die weniger durch das auffallen, was sie sagen, als durch das, was sie nicht sagen dürfen. Hilal Sezgin gehört zu diesen Figuren. Medial wird sie als deutsch-türkisches Aushängeschild gehandhabt: liberal, vernünftig, moralisch anschlussfähig. Eine Stimme, die Differenz überbrücken soll – zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Fortschritt und Herkunft, zwischen Kritik und kultureller Rücksichtnahme.
Doch genau diese Funktion erzeugt Leerräume.
Während in der Türkei aktuell Hundermassaker stattfinden und Zooskandale die systematische Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere sichtbar machen, bleibt es in der türkisch-deutschen Diskurswelt auffallend still. Kein öffentlicher Einspruch, keine klare Positionierung, keine erkennbare Solidarisierung mit den Opfern dieser Gewalt. Das Schweigen ist nicht zufällig. Es ist funktional.
Denn Repräsentation ist keine neutrale Rolle. Wer als moralisch verlässliche Stimme eingesetzt wird, muss anschlussfähig bleiben. Kritik darf nicht dort ansetzen, wo sie nationale Narrative, staatliche Gewalt oder kulturelle Selbstbilder ernsthaft irritieren würde. So entsteht eine selektive Moral: laut, wenn sie in deutschen Feuilletons bestätigt wird – stumm, wenn sie reale Verantwortung gegenüber konkreten Gewaltverhältnissen einfordern müsste.
Diese Form des Schweigens ist kein individuelles Versagen. Sie ist ein strukturelles Resultat liberaler Diskursökonomien. Der Preis für Sichtbarkeit ist Berechenbarkeit. Der Preis für moralische Autorität ist das Einhalten unsichtbarer Grenzen. Tiere, insbesondere dort, wo sie politisch und kulturell „heikel“ werden, fallen regelmäßig durch dieses Raster.
Gerade aus antispeziesistischer Perspektive ist das problematisch. Tierethik, die an kulturellen Loyalitäten haltmacht, verliert ihren Anspruch auf Universalität. Wer Gewalt gegen Tiere nur dort kritisiert, wo sie keine sozialen Kosten verursacht, betreibt keine Ethik, sondern Reputationsmanagement.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um Herkunft, Identität oder kulturelle Zuschreibungen. Die Kritik richtet sich nicht gegen „die Türkei“, nicht gegen „Türkischsein“, nicht gegen biografische Verortungen. Sie richtet sich gegen die mediale Funktionalisierung von Moral – gegen die Art, wie bestimmte Stimmen als Alibi für Fortschrittlichkeit dienen, während reale Gewalt unsichtbar bleibt.
Das liberale Feuilleton liebt solche Figuren. Sie ermöglichen Kritik ohne Konsequenzen, Empörung ohne Risiko, Humanismus ohne Störung. Tiere, insbesondere dort, wo ihr Leiden politisch unbequem wird, stören dieses Arrangement. Also werden sie ausgelassen.
Doch genau hier entscheidet sich die Glaubwürdigkeit jeder ethischen Position. Nicht dort, wo Zustimmung sicher ist, sondern dort, wo Kritik etwas kostet. Schweigen mag strategisch verständlich sein. Moralisch neutral ist es nicht.
Wer als Stimme der Vernunft auftritt, muss sich daran messen lassen, ob diese Vernunft auch dort spricht, wo sie nicht mehr dekorativ ist.
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Zur selektiven Blindheit der Tierrechtsdiskurse
Es ließe sich sehr viel dazu sagen. Ein Beispiel:
In der Türkei protestieren Tierrechtsaktivist*innen offen gegen bestimmte Formen institutionalisierter Tötung und Gewalt an Tieren. Gleichzeitig wird in Deutschland – einem Land mit einer großen türkischstämmigen Bevölkerung – genau dieses Thema im tierethischen Mainstream systematisch beiseitegeschoben. Obwohl man dort betont, dass jede Tötung nichtmenschlicher Tiere falsch sei, gilt es plötzlich als „unnötig“ oder „problematisch“, bestimmte Formen dieser Gewalt überhaupt zu benennen oder gesondert zu diskutieren.
Diese Haltung ist nicht neutral. Sie ist pervers.
Denn sie verschiebt das Problem: Nicht die Gewalt wird problematisiert, sondern ihre Thematisierung. Kritik gilt als störend, Differenzierung als unangebracht. Besonders deutlich wird das an der Rolle der deutsch-türkischen Autorin, Philosophin und veganen Tierrechtsadvokatin Hilal Sezgin, die im deutschen Diskurs häufig als Speerspitze dieser Position fungiert.
In mehreren Artikeln argumentiert sie, dass eine Differenzierung zwischen religiösen und nicht-religiösen Formen der Tötung nicht notwendig sei und der religiöse, „göttlich“ legitimierte Aspekt ritueller Tötung nicht grundsätzlich infrage gestellt werden müsse. Beispiele:
- taz: „Kommentar Schächtungsverbot: Fleischverzicht ist konsequenter“ – https://taz.de/Kommentar-Schaechtungsverbot/!5117541/
(Sezgin argumentiert, dass ein genereller Fleischverzicht konsequenter sei als ein gesetzliches Verbot bestimmter Schlachtmethoden.) - taz: „Halal-Fleisch darf kein Bio-Siegel tragen, weil Schächten zu qualvoll sei“ – https://taz.de/Kommentar-Halal-darf-nicht-bio-sein/!5572606/
(Sezgin kritisiert die Heuchelei bei Bio-Siegeln auf Halal-Fleisch und relativiert das ethische Problem ritueller Schlachtungen.) - NDR Freitagsforum: „Halal oder haram – über betäubungsloses Schlachten“ – https://www.ndr.de/kultur/sendungen/freitagsforum/Halal-oder-haram,freitagsforum312.html
(Sezgin thematisiert, dass Tiere ohne Betäubung geschächtet werden; für Außenstehende erscheint dies barbarisch, der kulturelle und religiöse Kontext wird betont.)
Auffällig ist, dass diese Position im deutschsprachigen Tierrechts- und Tierbefreiungsmilieu kaum Widerspruch erfährt. Stattdessen herrscht eine auffällige Loyalität – nicht zuletzt gegenüber einer türkischstämmigen Community, die politisch und kulturell teilweise eng an Erdoğan-nahe Narrative gebunden ist. Diese Einschätzung stammt aus Gesprächen mit türkischen Tierrechtsaktivist*innen, die in der Türkei selbst arbeiten und die Diskrepanz sehr deutlich benennen.
So wird rituelle Tötung selbst innerhalb kritischer Kontexte zu einem ideologischen Schlachtfeld. Kritik von außen gilt als kulturell unsensibel, Kritik von innen als Verrat. In dieser Konstellation erscheint Distanz nicht nur legitim, sondern notwendig – angesichts einer Religionstradition, die Tötung nicht nur erlaubt, sondern aktiv als moralisch eingebettete Praxis reproduziert.
Eine Tierrechtsbewegung, die an dieser Stelle haltmacht, verrät ihren eigenen Anspruch. Wer weiterhin humanzentrierte logische und ethische Fehlschlüsse reproduziert – sei es aus Rücksicht, Loyalität oder Angst vor Konflikten –, betreibt keine Befreiung, sondern eine Simulation davon.
Tierethik, die dort verstummt, wo Gewalt kulturell oder religiös abgesichert ist, ist keine Ethik. Sie ist ein Arrangement.
