Autopoietischer Faschismus
Eine mögliche antispeziesistisch-dekoloniale Überlegung
Faschismus beginnt nicht erst in letzter Konsequenz bei einem tyrannischen Regime. Er beginnt in Auffassung und Meinung, in den wenig spektakulären Unterscheidungen des Alltags, die Menschen über Gott und die Welt treffen: Die Basis ist immer „Wer gehört dazu, wer nicht? Wer gilt als wertvoll, wer als weniger?“ Rassismus, Sexismus, Ableismus – die „Ismen“ – wirken zunächst unsichtbar, so durchdringend, dass es fast harmlos erscheinen muss, weil normalisiert funktionstüchtig. Das Gewaltpotenzial liegt latent, in greifbarer Nähe: als Hierarchie, als Ausschluss, als Rechtfertigung von Wertung und Kontrolle.
Wir gehen gewöhnlich davon aus, dass Menschen nicht bewusst konspirativ miteinander in sozialen Zusammenhängen agieren. Und doch wirkt Sozialisation in vielerlei Hinsicht inhärent konspirativ: Sie funktioniert selten gerecht, stabilisiert implizite Machtverhältnisse und reproduziert Hierarchien, die niemand offen befiehlt. Menschen können durchaus einen „hierarchieschaffenden Hang“ entwickeln – individuell wie gemeinschaftlich –, der die Funktion der Ismen als Ordnungs- und Bewertungsinstrumente kaum auflösbar macht.
Aus einer dekolonialen Perspektive betrachtet – verstanden als Kritik an historisch-ethisch ‚westzentrischen‘ Ordnungen […], die Hierarchien und Ausschluss naturalisieren – wird deutlich: Diese Strukturen sind keine zufälligen Fehler, sondern Fortsetzungen eines Denkens, das Differenz von vornherein hierarchisiert.
Autopoietischer Faschismus entsteht, wenn solche Strukturen sich selbst reproduzieren. Menschen passen sich an, übernehmen Normen, bestätigen sie durch Wiederholung und reagieren auf sozialen Druck – ohne dass ein expliziter Befehl nötig ist. Die Ordnung trägt sich selbst.
Diese Ordnung bleibt nicht auf Menschen beschränkt. Sie überträgt sich auf Tiere, Natur, alles Nicht-Menschliche, wo Bewertung und Hierarchisierung als selbstverständlich erscheint. Was als soziale Praxis beginnt, wird zur Selbstverständlichkeit, zur Normalität und schließlich zur geschaffenen Wirklichkeit.
Faschismus zeigt sich hier weniger als konsequentielles Ereignis, sondern als arbeitende Tendenz: eine Anpassung an Macht, die sich selbst trägt, sich unaufhörlich ausbreitet und im Alltag stabilisiert. Die Gewalt ist nicht primär „willkürlich“ oder „absichtlich“ – sie ist die natürliche Fortsetzung einer Denkweise, die Unterschiede hierarchisiert und Ausschluss normalisiert und die erst durch ein sich selbst gleichschaltendes Moment möglich wird.
Der entscheidende nicht-humanzentrische Gedanke der damit einhergeht lautet: Was Menschen einander antun, bestimmt, was sie allem anderen antun werden. Wo soziale Unterscheidung und Hierarchie internalisiert sind, reproduzieren sie sich selbst. Die Grenze zwischen menschlicher Gesellschaft und Natur, zwischen Innen und Außen, zwischen kulturellem Denken und als „natürlich“ angenommenen Ordnungen verschwimmt. Was im Inneren als soziale Ordnung entsteht, wird nach außen zur Ordnung der Welt – unsichtbar, selbstverständlich und schwer zu hinterfragen.
Ein „autopoietischer Faschismus“ ist eine politische Komponente eines möglichen sozialen und moralischen Phänomens, das sich aus dominierenden Denkstrukturen selbst heraus stabilisiert. Eine Kritik an westlichen ethisch-historischen Ordnungen, die in sich den sozialen Zwang nicht haben auflösen können, erscheint besonders in Hinsicht auf Grundparameter von Herrschaft und Definition logisch.
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