
Beilageblatt in Death Church von Rudimentary Peni, 1983
„The Farce Continues
The “Punk Scene” ist just a big Farce. Gigs are Pretty much a total waste of time. It’s not even as yout they serve to create a warm and co-operative atmospehre. All that is created is an atmopshere of indifference and Isolation. The average “punk” still wastes his or her time indulging in the same of macho, Sexist crap. It’s just Boys and Girls out for the night “getting pissed”.
There’s Nothing I find more tedious than rows of identical painted leather jackets – how moronic. Nothing changes at a gig. It is still just the same of world where men are big and tough and women are just their “birds”, with the sickeing Habit of plastering themselves with make-up because they want to look nice and pretty for the boys.
No doubt by now, if you’ve even bothered to read this, you’ll be nodding your hear in Agreement as if It’s someone else that I’m talking about – well it isn’t. It’s you.
You are a part of all this shit. Why don’t you try using your brain and think yourself for once, not just a prat masquerading as a sterotype? … “
Die Farce ist Geschichte und hat sich optimiert
Die Kritik an Geschlechterverhältnissen im Punk ist nicht neu, aber sie wird bis heute nicht konsequent eingelöst. Seit den frühen Jahren haben weibliche Personen darauf hingewiesen, dass eine Szene, die sich als anti-autoritär versteht, keineswegs frei von den Strukturen ist, die sie kritisiert. Vielmehr reproduziert sie diese oft in veränderter Form.
Dabei ist zunächst zu präzisieren, dass „Frau“ und „Mann“ hier nicht als einfach nur als sozial feste oder nur natürlich gegebene Identitäten verstanden werden müssen, auch wenn Biologie und Geschichte eine Rolle spielen; diese führen jedoch nicht zwangsläufig zu bestimmten Identitätsentwürfen oder Selbstverständnissen einzelner Menschen.
Vielmehr verweisen die Begriffe immer auch auf Askriptionen, auf individuelles Empfinden und darauf, wie beides ineinandergreift.
Geschlecht entsteht in der Spannung zwischen Selbstwahrnehmung und gesellschaftlicher Erwartung – vermittelt durch soziale Bedingungen des Geschlechtsseins und durch jeweils wirksame Sozialisationsnormen. Es ist damit weder rein individuell noch rein strukturell, sondern genau in diesem Geflecht situiert.
Vor diesem Hintergrund gesehen geht es im Punk und seiner selbstgepriesenen Art mit Identität umzugehen und damit auch mit Geschlecht und Identität, nicht nur klassische, offene Formen von Sexismus, sondern um leiser gewordene, unterschwelliger erwirkte und damit zähere Mechanismen:
Wer redet, wer definiert, was zählt, wer sich Raum nimmt und wer sich erst einmal erklären muss. Vor allem welche Crowds generieren wie Clout, der in die Narrative eingeht.
Diese Dinge stehen nirgends angeschrieben, funktionieren aber verlässlich.
Weibliche Perspektiven werden gern als sich um Ermächtigung bemühende sicher eingebundene „Spezialfälle“ geführt, und damit als etwas Zusätzliches, nicht als etwas, das den Maßstab mitsetzt.
Künstlerinnen wie Poly Styrene oder Siouxsie Sioux haben sich klar versucht dem zu entziehen, ohne daraus immer gleich ein Programm zu machen. Später war die Notwendigkeit dies deutlicher zu formulieren wichtiger geworden: Punk ist nicht automatisch emanzipatorisch. Das passiert nur da, wo sich das „Gefüge“ selbst zum Gegenstand der Kritik machen kann.
Dabei ist wichtig, nicht so zu tun, als gäbe es „die Frauen“ oder „die Männer“. Die Unterschiede verlaufen nicht sauber entlang von Geschlecht. Es gibt Frauen, die bestehende Muster mittragen oder sogar absichern, und Männer, die sie infrage stellen – und umgekehrt.
Entscheidend ist: Dominant werden meist jene Positionen, die das Alte unter neuen Vorzeichen weiterführen. Die, die anecken würden, bleiben oft randständig – nicht weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil ihre Art zu sprechen, zu handeln, zu stören, weniger anschlussfähig ist, genau in dem immer gleichen Sozialzirkus, wie wir ihn von überall her kennen.
Das Kumpelproblem
Eine der eigentümlichen Schieflagen im Punk ist, dass Anti-Autoritarismus oft als Nicht-Einmischung gelebt wird. Keine Hierarchie soll heißen: keiner sagt dem anderen was. Kritik im Inneren wirkt dann schnell wie ein Regelverstoß. Also lässt man es lieber bleiben. Man will ja nicht die Stimmung kippen, nicht die fragile Gemeinschaft aufs Spiel setzen.
So entsteht eine merkwürdige Form von Einvernehmen: Man weiß vieles, spricht manches an, aber zieht selten Konsequenzen. Beziehungen, Bands, Strukturen – das alles soll ja weiterlaufen. Auch jene, die es besser wissen, bleiben eingebunden, gleichen aus, dämpfen. Nicht offen reaktionär, aber auch nicht wirklich störend. Genau das hält die Sache stabil.
Dazu kommt eine ausgesprochene Konfliktscheu, die so gar nicht zum ostentativ „rauen“, ehrlichen Image passt. Laut sein auf der Bühne ist leicht, im Proberaum oder im Plenum unangenehm werden schon weniger. Wer auf Probleme besteht, gilt schnell als mühsam, als moralisch, als jemand, der „zu viel“ will und der nicht das lockere „Punk“-Verständnis teilt. Also wird relativiert, verschoben, ein bissl drübergelacht, ignoriert – und weiter geht’s.
Dass das alles kein neues Phänomen ist, lässt sich nachlesen. Rudimentary Peni haben in Beilageblatt von Death Church bereits festgehalten, dass sich die Verhältnisse zwischen Frauen und Männern in der Szene kaum von denen in der breiten kritisierten Gesellschaft unterscheiden. Große Differenz? Eher Verpackungsfrage. Viel Anspruch und wirklich null und nichts dahinter.
Der blinde Fleck hängt auch damit zusammen, wohin sich die Kritik richtet. Punk hat viel Energie darauf verwendet, nach außen zu schlagen – gegen Staat, Kapitalismus, Polizei. Das ist nachvollziehbar, schafft aber eine bequeme Verschiebung: Wenn das Problem immer draußen sitzt, muss man drinnen nicht so genau hinschauen. Ergebnis: starke Makrokritik, schwache Mikrokritik.
Das heißt nicht, dass es keine Gegenbewegungen gäbe. Feministische, sozialkritische und später vermehrt queere Zusammenhänge haben immer wieder versucht, andere Praktiken zu entwickeln – Räume anders zu organisieren, Redeanteile zu verschieben, Konflikte auszutragen, statt sie zu umschiffen.
Das funktioniert nicht reibungslos, aber es zeigt, dass Veränderung möglich ist.
Die grundlegende Spannung bleibt aber solide bestehen und sie wird Geschichte machen: Denn es ist so viel einfacher, sich gegen äußere Verhältnisse zu positionieren, als die eigenen zu verändern. Gerade in einer Szene, die sich selbst als herrschaftskritisch versteht, fällt das ins Gewicht.
Man kann nunmal gegen den Staat sein und trotzdem im eigenen Umfeld die alten Muster weiterfahren. Die Frage dabei ist nicht nur ob Punk Teil des Problems ist, ja klar, weil Punk ganz einfach kein Monolith ist und auch nur Abbild der Gesellschaft bleibt: Die Frage ist eher, ob Leute, die sich als Punks verstehen überhaupt die Bereitschaft haben, sich selbst mitzudenken als kritisierbar – und ob Punks es in ihrer Positionierung als kategorisch rebellisch immer auf der richtigen Seite TM aushalten, wenn es innen einmal wirklich unbequem wird.
Schluss: ein notwendiger Entwurf
Auch sowas altes wie Punk sollte es nicht versäumen, einen eigenen Entwurf zum Thema Geschlecht klar und ernsthaft zu entwickeln, im mindesten klar anzudenken und nicht nur Dinge vorzugeben, die einfach alles ad absurdum führen würden an eigenem Mythos und „Anspruch“.
Nicht im Sinne einer weiteren Stilvariation oder einer neuen Symbolik wäre hier einiges dringend nötig, sondern als ernsthafte Auseinandersetzung mit den eigenen Grundlagen.
Wenn Punk seinen eigenen Anspruch ernst nimmt, reicht es eindeutig nicht, bestehende Rollen nur anders zu besetzen oder neu zu verpacken. Und auch ein bloßes Hütchenspiel mit Identitäten verändert die zugrunde liegenden Verhältnisse nicht. Es verschiebt lediglich die Oberfläche.
Was fehlt, ist der Entwurf …
- der Geschlecht nicht als feste Zuschreibung behandelt, sondern als historisch gewachsene und praktisch hergestellte Ordnung von Macht vermittelt durch Askriptionen vs. Selbstempfinden innerhalb unvermeidbarer Sozialisation zugleich.
- bei dem es nicht einfach um Repräsentation geht, sondern Prozesse sichtbar gemacht werden, durch die Herrschaft in Beziehungen, Szenen und alltäglichen Praktiken stabilisiert wird.
Ein solcher Ansatz müsste in alle Richtungen kritisch bleiben – nicht nur gegenüber äußeren Institutionen, sondern ebenso gegenüber den eigenen Selbstbildern, Gewohnheiten und unbewussten Hierarchien.
Er müsste bereit sein, Konflikte nicht zu vermeiden, sondern als Teil einer notwendigen Auseinandersetzung zu verstehen.
Wenn diese Bereitschaft vorhanden ist, könnte Punk mehr sein als die Wiederholung bekannter Muster in neuer Form als alter sozialkonformistischer Wein in neuen und neu etikettierten Schläuchen.
[1] Link Bildquelle > https://vinyl-records.nl/punk-rock/rudimentary-peni-death-church-fold-out-paper-cover-insert-lp-vinyl-album.html > https://vinyl-records.nl/punk-rock/photo-gallery/rudimentary-peni/rudimentary-peni-death-church-vinyl-album-cover-photo-901.jpg
[Zugriff 15.04.26]
