Bits und Pieces: Warum ein Naturverständnis wissenschaftlich zu kurz greift, das Ökologie sekundarisiert. Beispiel Wasser und Gewässerschutz
Im Kontext mit > Warum ein umweltpolitisches Defizit ganz rechts > https://www.tierrechte-messel.de/warum-ein-umweltpolitisches-defizit-ganz-rechts/
Aus Sicht der modernen Umweltwissenschaften sind Ökosysteme keine isolierten, mechanisch steuerbaren Systeme, die sich beliebig an menschliche Bedürfnisse anpassen lassen. Sie bestehen aus miteinander gekoppelten Prozessen zwischen Atmosphäre, Klima, Wasser, Boden und lebenden Organismen und unterliegen eigenen Dynamiken und Rückkopplungen. Ein nachhaltiger Umweltschutz muss diese Zusammenhänge berücksichtigen.
Das lässt sich am Beispiel der Gewässer besonders deutlich zeigen: Steigende Wassertemperaturen infolge des Klimawandels verringern die Löslichkeit von Sauerstoff im Wasser und können zugleich biologische Prozesse und damit den Sauerstoffverbrauch verstärken. Dadurch verändern sich die Lebensbedingungen aquatischer Organismen und das Risiko ökologischer Schäden steigt. Gleichzeitig verändern sich durch die Erwärmung Niederschlagsmuster, Schneespeicherung, Verdunstung, Grundwasserneubildung und Abfluss. Wenn beispielsweise weniger Wasser in Form von Schnee gespeichert wird, kann Flüssen im Sommer ein wichtiger natürlicher Wasservorrat fehlen. Lokale Brunnen, wasserbauliche Maßnahmen, Abwasserreinigung oder Müllbeseitigung können solche großräumigen Veränderungen des Wasserhaushalts nicht ausgleichen.
Damit wird ein grundlegender Unterschied sichtbar: Lokaler Gewässerschutz ist notwendig, aber er kann nicht losgelöst von den übergeordneten ökologischen Bedingungen betrieben werden. Wer Umweltschutz im Wesentlichen auf saubere Gewässer, funktionierende Infrastruktur und die Bewahrung regionaler Lebensräume reduziert, erfasst nur einen Teil der ökologischen Realität. Gewässer sind offene Systeme, deren Zustand durch Prozesse beeinflusst wird, die weit über einzelne Orte und Regionen hinausreichen.
Vor diesem Hintergrund greift ein Naturverständnis wissenschaftlich zu kurz, das Natur vor allem als Heimat, Lebensraum und Ressource für eine gewünschte menschliche Ordnung begreift. Denn dann besteht die Gefahr, dass nicht die ökologischen Bedingungen selbst zum Ausgangspunkt der Politik werden, sondern der Versuch, die Natur so zu erhalten oder technisch zu gestalten, dass sie eine bereits vorausgesetzte gesellschaftliche Ordnung möglichst dauerhaft trägt.
Das Problem liegt daher nicht darin, Natur schützen zu wollen. Problematisch wird es dort, wo Naturschutz mit der Bewahrung einer bestimmten menschlichen Ordnung gleichgesetzt wird und die Eigenlogik, Dynamik und Begrenztheit ökologischer Systeme gegenüber dieser Ordnung nachrangig behandelt werden. Wissenschaftlich angemessener ist ein Umweltverständnis, das menschliche Gesellschaften selbst als Teil miteinander verflochtener ökologischer Systeme begreift und deshalb auch deren Anpassung an veränderte ökologische Bedingungen einschließt.
