Beobachtung:
Auffällig ist ein Naturverständnis, in dem ökologische Wirklichkeit nicht als eigenständige Grenze menschlicher Gestaltungsmacht erscheint, sondern vor allem danach bewertet wird, ob sie sich mit den gewünschten menschlichen Lebensverhältnissen vereinbaren lässt. Natur soll geschützt werden – aber als Heimat, Kulturlandschaft, Wirtschaftsgrundlage und Lebensraum für den Menschen. Entsprechend werden ökologische Zusammenhänge selektiv aufgegriffen: Was sich in dieses Bild einfügt, kann als Argument für den Erhalt der bestehenden Ordnung dienen; was dieser Ordnung Grenzen setzt, wird relativiert oder zurückgewiesen.
Besonders deutlich wird das beim Klima. Im AfD-Wahlprogramm wird CO₂ als „Treiber eines verstärkten globalen Pflanzenwachstums“ und als Beitrag zur Welternährung hervorgehoben, während der menschengemachte Klimawandel und die daraus abgeleiteten politischen Konsequenzen grundsätzlich bestritten werden. Gleichzeitig beschreibt die Partei Versorgungssicherheit, heimische Landwirtschaft, Kulturlandschaft und „Heimat“ als zentrale Güter, die für kommende Generationen bewahrt werden sollen.
Gerade darin liegt die problematische Logik: Die Natur wird nicht von ihren eigenen komplexen Zusammenhängen und Grenzen her zum Ausgangspunkt politischen Handelns gemacht. Stattdessen wird aus dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit, Heimat, Versorgung und wirtschaftlicher Kontinuität heraus entschieden, welche Eigenschaften der Natur relevant sein sollen und welche nicht. So kann dasselbe CO₂, das in einem bestimmten Zusammenhang tatsächlich für Pflanzen unverzichtbar ist, politisch zum Argument gegen Klimaschutz werden, obwohl daraus keineswegs folgt, dass eine zunehmende CO₂-Konzentration ökologisch folgenlos wäre.
Die Vorstellung einer „bewahrten Heimat“ kann dadurch paradoxerweise zu einer ideologischen Überlebensarchitektur werden: Man versucht, innerhalb einer gewünschten nationalen Ordnung eine möglichst stabile menschliche Lebenswelt zu erhalten, anstatt die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse an die tatsächlichen ökologischen Bedingungen anzupassen. Die Natur soll gewissermaßen so beschaffen bleiben, dass sie die gewünschte Ordnung trägt.
Das Perfide daran ist, dass diese Haltung sich selbst als Naturschutz darstellen kann. Sie muss Natur nicht leugnen. Sie muss nur ihre Eigenlogik dem menschlichen Gestaltungsanspruch unterordnen. Damit wird aus der Frage „Unter welchen ökologischen Bedingungen können Menschen und andere Lebewesen langfristig existieren?“ die wesentlich bequemere Frage: „Wie können wir unsere gewünschte Lebensweise und unsere Heimat trotz ökologischer Veränderungen erhalten?“
Und genau an diesem Punkt wird aus einem politischen Konflikt über Klimapolitik ein grundsätzlicher Konflikt über das Verhältnis von Mensch und Natur.
